Parasitoide

Rascheln, Stoff streift übers Mikrofon.

 

„Funktioniert das jetzt?“

 

Klopfen aufs Mikrofon.

 

„Hallo, hallo?“

 

Gemurmelt: „Ich hab’s halt nicht so mit der Technik. Grünes Licht an der Audio-Streaming-App? Dann sendet sie wohl.“

 

Ein ausgiebiges Räuspern.

 

„Gestatten, mein Name ist Balthasar Stich. Ich bin Professor der Entomologie, das heisst, ich studiere Insekten, im Speziellen die Familie der Braconidae, Betonung auf dem O. Braconidae, das sind kleine Wespen, Hautflügler, Hymenopteren, Betonung auch auf dem O, die sind nicht grösser als ein Komma. Verrückter Wissenschafter, denken Sie.“

 

Weit entfernt hört man stakkatoartiges Rattern und ein Dröhnen.

 

Stich erhebt seine Stimme: „In Darwins Namen, hört doch mal auf damit! Ihr schafft es sowieso nicht rechtzeitig hier rein.“

 

Und wieder im Dozierton: „Wo war ich denn? Ach ja, die Braconidae, Betonung auf dem O, Sie wissen schon. Die faszinierendsten Organismen auf dieser Erde, kann ich Ihnen versichern. Sie finden sie gleich da draussen, vor Ihrem Haus, in Ihrem Vorgarten. Drehen Sie mal das Blatt eines Kohlgewächses um, und Sie entdecken darunter ein Insektenidyll. Eine lindgrüne Raupe, leicht übergewichtig, die legt sich beschützend um ein paar gelbe Kokons. Wenn Sie sie anstupsen, bäumt sich die Raupe auf und wehrt Ihren Finger mit einem energischen Kopfstoss ab. Eine Mutter, die ihre Jungen verteidigt. Denken Sie!“

 

Eine Pause.

 

„Wenn wir gerade dabei sind … Ich muss mal kurz nach meinem eigenen Nachwuchs schauen. Bin gleich zurück.“

 

Schlurfendes Geräusch von Filzpantoffeln auf rauem Beton. Ein Gemurmel ist zu hören, sinnloser Babytalk, dazu ein hohes Sirren. Nach einer Weile hört man, wie sich Stich sich stöhnend aufrichtet und in einen Sessel fallen lässt. Er ist etwas kurzatmig, als er fortfährt.

 

„Es geht allen bestens. Wo waren wir denn? Ach ja, die Raupe. Spulen Sie Ihr Insektenidyll einige Wochen zurück und Sie werden die gleiche Raupe wieder vorfinden, schlanker und ohne Brut. Sie knabbert am Kohlblatt. Ich lass mal den Primarschulkram weg, Sie wissen schon, Ei zu Raupe zu Puppe zu Schmetterling. Erlauben Sie mir aber einen kurzen Exkurs in die Insekten-Embryologie. Im Puppen-Kokon wird das Gewebe der Raupe aufgelöst, mit Ausnahme der sogenannten Imaginalscheiben, aus welchen dann der Schmetterling entsteht. Merken Sie sich den Fachausdruck: Imaginalscheiben. Betonung auf dem zweiten A. Soweit, so gut.“

 

Man hört einige gedämpfte Explosionen.

 

„Diese verdammten Idioten! Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Aber lassen Sie uns die mal ignorieren und zu unserer Raupe zurückkehren. Eines Tages landet eine metallisch blau schimmernde Wespe des Genus Glyptapanteles auf der Raupe, Betonung auf dem zweiten A, ein Grössenunterschied wie der eines Wanderfalken zu einer Antonov, Sie wissen schon, russische Transportmaschine, grösstes Flugzeug der Welt. Die Wespe sticht die Raupe, ihr Gift lähmt sie, aber nur für einige Minuten. Genug Zeit für die Wespe, einen Cocktail aus Bracoviren und achtzig ihrer Eier in den Körper der Raupe zu injizieren, sozusagen hinter die feindlichen Linien. Die Raupe wacht auf und fährt fort, an ihrem Kohlblatt zu knabbern. Sie weiss nichts von dem, was nun in ihr drin passiert. Wie ein Kommando von Elitesoldaten machen sich die Bracoviren daran, die Verteidigung der Raupe auszuschalten. Vergeben Sie mir, wenn ich militärische Ausdrücke verwende, aber die sind doch sehr passend, mit diesem dauernden Sperrfeuer da draussen. Die Bracoviren lähmen das Immunsystem der Raupe, ein bisschen wie Raupen-AIDS, bloss vorübergehend. Wenn die Wespenlarven dann aus ihren Eiern schlüpfen, sind sie selber fähig, sich vor dem Raupen-Immunsystem zu tarnen. Sie trinken das Blut der Raupe. Die Bracoviren dagegen dringen zum Hirn der Raupe vor, das sie dazu zwingen, den Blutzuckerspiegel anzuheben, damit die Wespenlarven schneller wachsen können. Fast alles, was die Raupe nun frisst, wird abgezogen und in Körpermasse der Wespenlarven umgewandelt. Diese Mit-Esser machen vor dem Blut nicht halt. Sie fressen nun auch alle Organe der Raupe auf, die diese nicht unmittelbar braucht. Sogar die Imaginalscheiben, Sie wissen schon. Damit berauben sie die Raupe ihrer Zukunft als Schmetterling. Aber es soll etwas sehr viel Besseres aus ihr entstehen. Wenn Sie zu diesem Zeitpunkt genau hinschauen, können sie im angeschwollenen Leib der Raupe die Wespenlarven zappeln sehen. Die wespischen Invasionsstreitkräfte haben ihren Wirt ganz übernommen, Körper und Seele.“

 

Stich macht eine Pause, trinkt einen Schluck.

 

„Die Wespenlarven sind nun bereit für das nächste Stadium. Sie fluten die Raupe ein zweites Mal mit lähmendem Gift. Während die Raupe sich nicht bewegen kann, beissen sich die Larven ihren Weg durch die Raupenhaut nach aussen und verlassen die Ersatzgebärmutter, die sie beschützt und genährt hat. Gleich neben der Raupe spinnen sich die Wespenlarven in ihre gelben Seidenkokons. Ein paar von ihnen bleiben aber in der Raupe zurück. Diese Stay-Behind-Gruppe übernimmt die komplette Kontrolle. Sie wissen schon, wie die Gladio-Agenten in Italien, nach dem zweiten Weltkrieg. Die Wespen-Gladios zwingen die Raupe, eine schützende Seidendecke über die Wiege ihrer Geschwister zu spinnen, aber nicht nur das. Sie verwenden die Raupe als Panzer, um die Brut zu verteidigen, bis ihre Geschwister aus ihren Kokons schlüpfen und davonfliegen, erwachsene Wespen nun, auf der Suche nach neuen Wirten, neuen Raupen. Erst jetzt lassen sie die Raupe sterben, nun nicht mehr als eine leere Hülle. Mit ihr zusammen sterben die Gladios, die opfern sich für ihre Geschwister. Das ist die Geschichte der Braconidae-Wespen und der Raupe. Ein wunderbares Idyll, denken Sie nicht? Lassen sie mich schnell nach meinen Kindern sehen und dann erzähle ich Ihnen den Rest der Geschichte.”

 

Wieder dieses latschende Geräusch, ein hohles Klopfen, ein paar zärtliche Worte, ein Sirren, dann kehrt die Stimme von Stich zurück.

 

„Zurück zu mir und den Braconidae. Auf der ganzen Welt habe ich diese Wespen und die symbiontischen Bracoviren untersucht, die ihnen helfen, Raupen zu übernehmen. Eine Wespenart ist sogar nach mir benannt, die Glyptapanteles balthasarii, zwei I, bitte beide auszusprechen. Eine erstaunliche Spezies, die ich an den Ufern des Pripjat-Flusses fand, nördlich von Kiew, Ukraine, Sie wissen schon. Ihre herausragende Eigenschaft ist ihre Grösse. Alle anderen Braconidae messen weniger als drei Millimeter, Glyptapanteles balthasarii aber wird so gross wie eine Hornissenkönigin. Normalerweise sind Braconiden-Stachel ja zu klein, um menschliche Haut zu durchdringen. Aber als ich Glyptapanteles balthasarii beobachtete, wurde ich das erste Mal in meinem Leben von einer gestochen. Ich muss gestehen, es tat höllisch weh und ich verlor sogar kurz das Bewusstsein. Kurz danach haben meine Fressattacken begonnen. Binge-Eating, Sie wissen schon. Mein Gewicht und mein Blutzucker stiegen, meine Hoden schrumpften. Ich fühlte das dringende Bedürfnis, diesen Bunker zu kaufen, ehemaliger Bundesratsbunker, Sie wissen schon, und hier Sprengstoff zu horten. Ich wusste einfach, dass ich das tun musste. Wegen Bauchschmerzen suchte ich dann meinem Arzt auf. Der tastete meinen Bauch ab, fand Klumpen, die er für Tumoren hielt, und schickte mich zum MRI. Während er sich noch über die Abszesse in meinem Bauchraum den Kopf zerbrach, zog ich mich in meinen Bunker zurück, sprengte die Zugangstunnel, hörte auf zu essen und wartete.“

 

Das Dröhnen und Wummern klingt jetzt deutlich näher.

 

„Wahrscheinlich wurden meine MRI-Bilder herumgereicht, und jemand muss eine Verbindung zu den ausgehöhlten Kuh-Kadavern hergestellt haben, die sie am Pripjat-Fluss neben kokosnussgrossen, leeren Schalen fanden. Darum versuchen sie jetzt wohl, sich ihren Weg hier hinein freizusprengen. Zu den kokosnussgrossen Kokons, die ich den ganzen Monat behütet habe, nachdem sich die Glyptapanteles balthasarii-Larven aus meinem Bauch genagt haben.“

 

Eine Explosion, schon ziemlich nahe, die Vibrationen lösen einige Steine aus der Felswand, die herunterkollern.

 

„Die da draussen werden’s mit all ihrem schweren Geschütz doch nicht bis hierher schaffen, jedenfalls nicht, bevor alle meine kostbaren Babys geschlüpft sind. Mit Stolz und Bewunderung beobachte ich, wie das erste aus seinem Kokon schlüpft. Es sitzt da, mit zitternden Fühlern, pumpt Blut in seine Flügel, um sie zu strecken, bevor das Chitin aushärtet. Das metallische Blau seines Körpers schimmert im Schein meiner Lampe. Es schaut mich aus tausend glitzernden Augen an. Ich wünschte, Sie könnten das mit eigenen Augen sehen. Es ist noch grösser, als es seine Mutter war. Evolution an der Arbeit, Sie wissen schon, Darwin, Selektion und all das.

 

Ich bin jetzt sehr müde, ausgelaugt. Ich habe während eines ganzen Monats nichts mehr gegessen, aber ich weide meine Augen an diesem wundervollen Geschöpf, das meinen Namen und mein Erbe trägt, wenn auch nicht meine Gene. Es fliegt davon, durch den Lüftungsschacht, der einzige Weg aus diesem Bunker, der noch frei ist, und macht sich auf die Suche nach neuen Wirten. Menschlichen Wirten. Vergessen Sie Alien. Hier kommt Glyptapanteles balthasarii, die Antwort der Braconidae auf Tschernobyl. Ich sterbe gern, nachdem ich dieses Wunder der Evolution und Entomologie habe erleben dürfen!“

 

Hier nimmt die Audio-Streaming-App noch einige Explosionen auf, die immer näher kommen, dann stoppt die Aufnahme ganz.