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Kurzgeschichte

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Praestatio rerum (lat.): Produktehaftpflicht

„Salve, Lavinia!“

Oh nein. Der Carnifex! Schon wieder. Lavinia liess das Holzscheit zurück in den Korb fallen und richtete sich unter Mühen auf. Das Kreuz. Immer, wenn die Herbstnebel über den Lacus Turici zogen, spürte sie ihr Kreuz, besonders in ihrem gegenwärtigen Zustand.

«Lavinia?»

Lavinia seufzte. Es half nichts, sie musste sich dem Carnifex stellen, seinen sechseinhalb Ellen, dem ach-so-männlichen Pectus, Vollbart und Cervisia-Atem.

«Was willst du?» Knapp an der Grenze zur Unhöflichkeit, aber das schreckte den Carnifex nicht ab. Das hatte sie nun davon, dass sie ihn einst beinahe erhört hatte. Bevor sie ihren Ex getroffen hatte. Bevor der Carnifex Carnifex geworden war.

Sie bemerkte, dass ihr Sklave ebenfalls aufgestanden war, kein Holz mehr nachschob. Dachte wohl, er könne eine Pause einlegen. Dabei waren sie sowieso schon spät dran. Das Caldarium musste bis zur Wachablösung eingeheizt sein, damit der Praefect seine alten Knochen wärmen konnte. Lavinia scheuchte den Sklaven zurück an die Arbeit und wandte sich, jupiterergeben, dem Carnifex zu. «Also?»

Er druckste herum. Wie konnte einer sich wie ein linkischer Adulescens gebärden, sonst aber seine Sesterzen mit Folter und Kopfabschlagen verdienen?

Der Carnifex streckte ihr ein Bündel hin, flach, länglich, eingewickelt in rotes Tuch.

«Was ist das?» Lavinia griff nicht danach, sondern streichelte ihren Bauch.

Der Carnifex warf einen Blick auf den Sklaven, der den Ofen mit weiteren Holzscheiten fütterte. Man wusste nie so recht, wieviel Sklaven aus Germania verstanden. Lavinia tat dem Carnifex nicht den Gefallen, aus dem Praefurnium und damit ausser Hörweite des Sklaven zu treten. Widerwillig schlug der Carnifex den Stoff beiseite. Dort lag die Scharfrichter-Spatha, eine überlange Massanfertigung eines Gladius aus schwerem norischem Stahl. Ein handlanges Stück war von der Schneide abgesplittert.

«Wie hast du denn das geschafft?» Streng sah sie zum Carnifex hoch. «Ex hat dir doch gesagt, dass eine Klinge dieser Länge keine Torsion erträgt. Hast du damit etwa ein Schwein ausgebeint?» Das Zögern des Carnifex zeigte ihr, dass sie nicht weit daneben lag.

«Es war doch nur ein Ochsenviertelchen. So zart und gut durchgebraten, da hätte die Klinge durchgehen müssen wie durch Butter.»

Mit dem Schwert, mit dem er sonst Köpfe abhackte, schnitt der Mann sein Fleisch? Sie schauderte.

«Lavinia, würdest du deinen Ex bitten, die Spatha zu flicken? Der Praetor erwartet hohen Besuch, ein paar Hinrichtungen zur Unterhaltung, du weisst schon.»

«Warum fragst du Ex nicht direkt?»

«Bitte, Lavinia! Du weisst, wie er ist.» Oh ja, das wusste Lavinia. Gar nicht gut zu sprechen auf den Verehrer seiner Gattin.

Der Carnifex legte das Schwert in einen der Holzkörbe und schwang einen Lederbeutel von seiner Schulter. «Hier, nimm.» Er steckte ihn ihr zu.

Lavinia stöhnte unter dem Gewicht auf. «Was ist das?»

«Eine Ochsenhaxe. Für dich … für euch, meine ich, dich und Ex.»

Ja, eine Ochsenhaxe, abgeschnitten mit dem Scharfrichterschwert. Darauf konnte Lavinia verzichten, doch der Sklave, der hatte immer Hunger.

«Also gut. Lass mir die Spatha da.»

«Danke, Lavinia!» Der Carnifex griff nach Lavinias Hand. Sie entzog sich ihm, drängte an ihm vorbei, hinaus, vor die Therme. «Ich werde dir die Spatha bringen lassen. Nun geh.»

Der grosse Mann zog den Kopf ein und trottete davon. Die dichten Schwaden verschluckten ihn. Durch den Nebel drang dumpf das Stampfen von Legionärsstiefeln auf Holzbohlen. Eine Decurie, die über die Lindimacum-Brücke von ihrer Patrouille zurückkehrte.

Lavinia rieb sich die Hände an der Schürze sauber. Immer, wenn sie mit dem Carnifex zu tun gehabt hatte, verspürte sie das dringende Bedürfnis, selber die Thermen zu besuchen.

 

Sie schickte den Sklaven mit Körben und Haxe voraus und folgte ihm gemächlicher, die eingewickelte Spatha unter dem Arm. Sie passierte den Flusshafen, wo unter dem Geschrei von Mannschaft und Hafenmeister ein Frachtschiff mit rotweiss-gestreiften Segeln anlegte. Daneben warteten die flacheren Lindimacum-Weidlinge, auf die die Ware für den Weitertransport flussabwärts nach Vindonissa umgeschlagen werden sollte. Sie trat an den Zollmagistraten heran, der am Pier bereitstand, Wachstafel und Stylus gezückt. «Salve, Advocatus Rudisulius. Könnt Ihr mir sagen, ob da schon unsere Lieferung aus Curia Raetorum mit dabei ist?»

Rudisulius knurrte etwas Unverständliches, doch bevor Lavinia nachfragen konnte, riss er den Arm hoch, fuchtelte und spurtete auf die Sklaven zu, die das Schiff zu entladen begannen. «Halt, Zoll! Keiner rührt die Ware an! Wo sind eure Fracht-Papyri?»

Lavinia gab auf. Sie würde früh genug erfahren, ob endlich die Cultelli von Victoronyx eingetroffen waren.

 

Jenseits des Hafens verjagte Sol die Nebelfetzen von der Oberfläche des Lacus Turici, auf dem die Wellenkrönchen glitzerten. In der Ferne glänzten wie frisch geweisst die Spitzen der Berge in der Morgensonne, dort, wo Curia Raetorum lag, ihre Heimat. Lavinia nahm den Weg den Collis Lindi hoch, nur nicht so schnell, mit ihrem Bauch.

«Salve und einen wunderbaren Morgen! Gesegnet mögt Ihr sein, gute Frau.»

Lavinia blieb stehen. Zwei Reisende, junge Männer in reichlich mitgenommenen Umhängen und staubigen Sandalen, mit Bündeln und Wanderstöcken, kamen ihr von der Brücke über den wilden Arm der Sylaca entgegen. «Wir sind auf der Suche nach einem wohlfeilen Gästehaus in diesem Vicus. Könnt Ihr uns helfen, gute Frau?»

Die beiden hatten einen olivbraunen Teint, wie er bei den Völkern rund um das Mare Mediterraneum vorkam, aber der singende Akzent sagte ihr, dass der Sprecher kein Italiker war, vielleicht weiter aus dem Osten, aus dem Levante, Ägypten, Hellas?

Lavinia wandte sich dem Grösseren zu, der sie angesprochen hatte. Hübsch, mit seinen schwarzen Locken, so ganz anders als ihr Ex. Aber sie liebte Ex nicht wegen seines Äusseren. «Ich kann Euch zu einer der Gaststätten von Turicum führen, aber die sind teuer.» Wie alles in Turicum. Vor allem aber die Villen westlich des Collis Lindi. Wenn ihr Kind nur dort aufwachsen könnte, ausser Hörweite der Carceres. Ein Wunschtraum. «Ihr könnt aber auch bei uns im Heuboden über dem Stabulum nächtigen, das dürfte euch günstigster zu stehen kommen. Zwei Mahlzeiten pro Tag, nur drei Asse.» Das würde ihr und Ex ein kleines Zusatzeinkommen einbringen. Einige Sesterzen näher am fernen Ziel der eigenen Villa.

Die beiden Reisenden sahen sich an. Lavinia hatte das Gefühl, dass zwischen ihnen keine Worte nötig waren. Wie zwischen ihr und Ex.

«Ihr seid gütig. Wir nehmen Euer Angebot gerne an, gute Frau. Wir werden Euch nicht lange zur Last fallen, sondern bald weiterreisen.» Mit einem Blick auf ihren Bauch und das Bündel unter ihrem Arm fügte er hinzu: «Dürfen wir Euch behilflich sein? Ihr solltet in Eurem Zustand nicht schwer tragen.» Als ob das je jemanden interessiert hätte. Galant nahm er ihr das Bündel ab. Wie Ex reagieren würde, wenn sie mit zwei Männern aufkreuzte, notorisch eifersüchtig, wie er war? Die Spatha des Carnifex würde ihn davon ablenken.

 

«Damnatio, kann der Ochse nicht aufpassen? Da reisst sich unsereins ein Bein aus und lässt ihm ein Schwert aus Ferrum noricum liefern, Sonderanfertigung nach den Wünschen des feinen Herrn, und was macht er?» Ex hämmerte verbissen auf der weissglühenden Schneide der Scharfrichterspatha herum. Ein Wunder, wenn er die Klinge so nicht verdarb. Wenn Ex in dieser Stimmung war, machte Lavinia lieber einen weiten Bogen um ihn. Das Schild über der Schmiede lautete zwar «Exuperantius, Messerschmied, Waffenhändler», Lavinias Gatte nutzte aber sein erlerntes Handwerk nur noch selten, für Reparaturarbeiten, so wie jetzt. Messer und Schwerter selbst zu schmieden lohnte sich längst nicht mehr. Es war günstiger, Massenware aus den Provinzen anzukaufen. Die Gladii und Pilum-Speerspitzen für die in Turicum stationierte Legio III Flavia Felix? Billiger Import. Ihr Verkaufsschlager, die original-helvetischen Vielzweck-Cultelli von Victoronyx, mit ihren ausklappbaren Schneiden, Sägen, Amphorenöffnern und Zahnstochern? Hergestellt in den Sklavenwerkstätten Curias. Lavinia liess ihren Ex Ex sein. Sollte er auf die Spatha einprügeln und sich abreagieren. Sie hatte mehr als genug zu tun, die neuste Victoronyx-Lieferung an die Legionäre zu bringen.

 

Abends klingelten die Asse in ihrer Kasse, dass es eine Freude war. Damit war auch die Nordwand ihrer Villa gesichert. Nur: Vom Traumhaus auf der Anhöhe zwischen Collis Lindi und Sylaca konnten sie sich zwar drei Wände leisten, aber kein Dach.

Beim Abendessen, Hafermus und Ochsenbraten, von dem Lavinia nichts anrührte, berichtete sie Ex vom neusten Legionärs-Klatsch. «Sie sagen, dass der Imperator im Vallis Poenina eine ganze Legion habe niedermetzeln lassen, die Thebaica, nur weil die nicht den Göttern opfern wollten.»

«Welcher Imperator denn?» Berechtigte Frage, es gab ja deren zwei.

«Na, der Maximian. Er will die Anhänger dieser kuriosen Sekte ausrotten.»

«Ein scharfer Hund, aber stupide. Eine ganze Legion auslöschen? Jetzt, wo sich die Germanen wieder am Limes drängen wie die Legionäre im Puff?»

«Diese Sektierer sollen nur eine einzige Göttin anbeten. Eine einzige!»

«Wäre wesentlich einfacher», knurrte Ex über seinem Hafermus. «Die vermehren sich ja auch wie die Cuniculi, unsere Götter. Vor allem bei Jupiters Brut verliert man schnell den Überblick.»

Das war er, ihr Ex, mit diesem schrägen Humor, den sie so liebte. Trotzdem. «Pass nur auf, dass das niemand hört!» Lavinia warf einen Blick auf ihren Sklaven, der beim Feuer auf dem Schemel hockte und Fleischresten vom Knochen nagte.

Ex nahm einen Schluck Vinum. «Was ist eigentlich mit den zweien, die du da angeschleppt hast? Warum essen die nicht mit uns?»

«Der eine, Felix, der Grosse, er sagte mir, dass sein Bruder Regulus der lateinischen Sprache nicht mächtig sei und sich dafür schäme. Darum bleiben sie lieber unter sich. Ich habe ihnen Brei und Suppe in den Stall gebracht.» Vom Fleisch hatten die beiden nichts gewollt. Weise.

Ex hob den Kopf und lauschte. Oben im Heuboden sprachen die Kostgänger leise miteinander, gelegentlich stimmten sie einen Singsang an, der an Gebete erinnerte. «Solange sie gut bezahlen.»

«Drei Asse die Nacht.»

Ex nickte, brummelte etwas und löffelte weiter seinen Brei.

 

Als Lavinia und Ex in ihrem Schlafgemach über der Schmiede lagen, lauschten sie den Stimmen der Nacht: dem Schnarchen und Schnauben, dem Knarzen und Knarren, dem Gurren der Tauben im Schlag, dem Stöhnen der Captivi im Carcer. Doch was da vom Heuboden zu ihnen drang … «Klingt, als ob sich Achill und Patroclus im Nahkampf messen.»

Lavinia gluckste und vergrub den Kopf an der Brust ihres Gatten. Er roch nach Holzrauch und Heimat.

«Brüder sind die beiden jedenfalls nicht.»

Ex drückte sie eng an sich. Sie spürte, dass auch er nur zu bereit war für eine Runde der Art Ringkampf, wie sie Felix und Regulus gerade ausfochten.

 

Trompetenstösse weckten sie. Ein Überfall? Die Germanen? Trotz Bauch und schmerzenden Kreuzes - Lavinia war schneller aus dem Bett als Ex. Sie wickelte hastig eine Stola um die Schultern und rannte vor das Haus: keine Germanen. Lavinia stiess die angehaltene Luft aus. Über die Sylaca-Brücke wand sich ein Heerwurm, eine ganze Centurie. Vorneweg stolzierte ein Legat in kaiserlich-Purpur, pompös mit Helm und Federbusch, dem Hahn von Nachbar Drechsler zum Verwechseln ähnlich. Das also war der hohe Besuch, von dem Carnifex gesprochen hatte. Die Kolonne marschierte im Gleichschritt an Lavinia vorbei, den Collis Lindi hinan zum Castellum Turici, Pili akkurat senkrecht ausgerichtet, Schilde poliert, Blicke grimmig. Ein Hundertfüssler in Legionärsstiefeln. Ex trat hinter Lavinia und umfasste ihre Hüften. «Was wollen denn die hier?»

Lavinia lehnte sich an ihn. «Das ist doch egal, Hauptsache, unsere Kundschaft hat sich gerade verdoppelt.» Sie dachte an die Südwand ihrer Villa. Ex löste sich von ihr und wechselte ein paar Worte mit einem hiesigen Legionär, berichtete. «Die suchen tatsächlich versprengte Deserteure von der Legio XIII Thebaica, die zum Tode verurteilt wurden, unten im Vallis Poenina, bei Agaunum. Einige sollen hierher geflüchtet sein.»

Lavinia sah ihren Gatten an. «Denkst du, was ich denke?»

Ex nickte. «Du solltest sie warnen und aus dem Haus schaffen. Nicht, dass sie noch bei uns gefunden werden.»

«Sie tun mir leid. So höfliche junge Männer.»

Felix und Regulus nahmen ihr die unangenehme Pflicht ab: Kaum waren die Legionäre ausser Sicht, traten sie aus dem Stall. Regulus war bleich und zitterte wie im Fieber. Felix machte einen gefassteren Eindruck. Er reichte Lavinia die drei Asse, doch sie schloss seine Finger wieder um die Münzen. Er dankte es ihr mit einem Lächeln, legte dem Gefährten den Arm um die Schultern und sie gingen davon. Lavinia wünschte ihnen, dass sie irgendwo Frieden fanden.

 

Sie waren nicht weit gekommen. In jener Nacht hörte Lavinia aus den Carceres alles – die Schläge, die Schreie, das Schluchzen von Regulus, was die Legionäre mit Pfiffen und Gejohle quittierten, dazwischen die ruhige Stimme von Felix, der wieder diesen Singsang anstimmte, heiser, gequält, aber standhaft . Lavinia klammerte sich an Ex, der sie wiegte, ja sogar aufstand, warmes Wachs brachte, mit dem sie sich die Ohren verstopfen konnte. Lavinia aber zwang sich, zuzuhören, Zeugin des Leidens dieser beiden Männer zu sein, sie lauschte, bis das Stöhnen von drüben verstummte. Ex war längst eingeschlafen, doch Lavinia lag wach und starrte ins Dunkel, ihr Kissen nass und klamm vor kalten Tränen. Ihr Kind sollte so etwas niemals hören müssen, das schwor sie sich.

 

Am nächsten Morgen wurden die Gefangenen zum Lindimacus-Ufer hinabgeführt, halbnackt und geschunden, bewacht von einer ganzen Decurie. Vorneweg stolzierte der Gockel von Legat. Felix stützte Regulus, der schwankte, sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Lavinia eilte mit einer Schale Wasser auf die beiden zu, doch ein Legionär stellte sich ihr mit gesenktem Pilum in den Weg. Sie drückte das Ding einfach zur Seite und trat zu den beiden Gefangenen. Felix nahm die Schale entgegen. Lavinia schauderte: Der Carnifex hatte ihm mehrere Finger gebrochen. Sie half Felix, Regulus das Wasser einzuflössen. Der junge Mann, fast ein Kind noch, liess es mit sich geschehen. «Danke», flüsterte Felix. «Die Göttin soll es Euch vergelten.»

In dem Moment drehte sich der Legat um. Ertappt schubste der Legionär Lavinia weg, schlug Felix die Schale aus der Hand, stiess die Gefangenen vorwärts. Lavinia schlang die Arme um den Leib.

 

«Wo ist meine Spatha? Her damit, Frau!»

Wenn man an Pluto dachte. Lavinia wandte sich zum Carnifex um. «Wie konntest du nur!»

Der Carnifex zuckte die mächtigen Schultern. «Das ist nun mal meine Arbeit.»

Wortlos holte Lavinia die Spatha und reichte sie Carnifex. «Mach deine Arbeit wenigstens sauber!»

«Immer.» Er begutachtete die Schneide kritisch. «Alle Achtung, wie neu.» Damit marschierte er den Todgeweihten hinterher.

Ex trat vor die Schmiede. Kurzentschlossen nahm Lavinia ihn am Arm und zog ihn mit sich. «Was soll das? Sonst willst du dir die Hinrichtungen auch nicht ansehen.»

Lavinia sagte nichts. Sie querten die Brücke über den Lindimacus und eilten zum Richtplatz nahe dem Ufer, wo die Verurteilten bereits vor dem Legaten knieten. Es hatte sich eine Menge Schaulustiger eingefunden, wie immer bei solchen Anlässen. In Turicum war ja sonst nie was los. Lavinia schmiegte sich eng an Ex. Der Legat stellte den beiden jungen Männern frei, hier und jetzt dem Jupiter zu opfern, dann würden sie nur wegen Desertion hingerichtet. «Niemals!» sagte Felix mit fester Stimme. «Wir schwören unserer Göttin niemals ab.» Regulus bebte so, dass er kein Wort herausbrachte. Der Legat winkte den Carnifex heran. Ohne grosses Vorgeplänkel holte der mit der neugeschmiedeten Spatha aus. Die Köpfe rollten. Lavinia vergrub ihr Gesicht an der Schulter von Ex. Er tätschelte sie, murmelte sinnlose, beruhigende Worte. Der Legat machte kehrt, dass der Kies unter seinen Stiefeln knirschte, und marschierte los. Doch dann stoppten die Schritte. Ex versteifte sich. Das Murmeln der Masse brach ab, wie abgeschnitten. Lavinia sah hoch. Zuerst begriff sie nicht. Da waren die beiden Köpfe. Daneben hätten die Körper liegen sollen, zusammengesunken, leblos. Aber der von Felix regte sich. Trogen sie die Augen nach der schlaflosen Nacht? Nein. Ein Arm zuckte, Finger krallten sich in die Erde, ein Fuss scharrte über den Kies. Felix kam schwankend hoch, half Regulus auf die Beine, sie bückten sich nach ihren Köpfen, hoben sie auf, wie man etwa einen schweren Topf anhob und gegen die Brust drückte. Dann schritten die beiden los. Raunen fegte wie ein Windstoss durch die Reihen der Schaulustigen. Als Felix und Regulus die Gaffer erreichten, wichen die vor ihnen zurück, bildeten eine Gasse. Irgendwo in der Menge kreischte ein Weib: «Hexerei!» Als ob dieser Schrei das Signal gewesen wäre, brach Chaos aus. Die Turicenser schrien, rannten, sprangen in den Lindimacus, rempelten sich an, hieben aufeinander ein, trampelten nieder, was ihnen vor die Füsse geriet, flohen Hals über Kopf vom Richtplatz. Niemand behelligte die beiden Männer, die gemächlich durch die Wiese den Hang hinauf spazierten. Nur Legat und Legionäre hatten die Stellung gehalten, wussten aber offenbar nicht, wie mit Hingerichteten umzugehen war, die die Frechheit besassen, ihren Richtplatz auf eigenen Beinen zu verlassen. Der Carnifex selbst ignorierte die Toten. Er inspizierte seine Spatha, prüfte die Schneide, schüttelte eins übers andere Mal den Kopf.

Lavinia wand sich aus den Armen von Ex. Sie schloss zu Felix und Regulus auf und vernahm das leise Murmeln, das aus ihren Mündern drang. Es waren dieselben Gebete, die von Heuboden und Carcer zu ihnen herübergedrungen waren. Auf der sanften Kuppe schliesslich, wo nur eine einzelne Linde wuchs, knieten die beiden Männer nieder, legten vorsichtig ihre Köpfe ab und streckten sich daneben aus.

«Soll das eure Ruhestätte sein?»

Von Felix kam nur ein einziges Wort: «Ja.» Dann schloss er seine Augen und lag still. Regulus formte mit seinen bleichen Lippen tonlos den Satz: «O Thea, na s’echei kala.» Auch er schloss die Augen.

 

Als Lavinia zur Richtstätte zurückkehrte, hörte sie schon von weitem, wie sie sich stritten: Legat, Carnifex und Ex. Aber warum hatte sich Exuperantius in die Sache verwickeln lassen?

«Ich bin nicht schuld, es war das verdammte Schwert. Du hast irgendwas damit angestellt, gib es zu! Steckst du vielleicht mit den Sektierern unter einer Decke?» Carnifex!

«Gar nichts habe ich gemacht. Ich habe deine verdammte Spatha geflickt, neu geschmiedet habe ich sie, weil du sie zerbrochen hast. Du dagegen - unfähig, den Leuten so den Kopf abzuschneiden, dass sie tot bleiben!»

Lavinia packte ihren Mann am Arm. «Lass ab, Ex, und du auch, Carnifex, hört auf zu streiten! Die beiden haben sich hingelegt. Jetzt sind sie tot. Wirklich tot. Kommt mit, ich zeige es euch.»

«Leute, die ich hinrichte, haben nicht mehr aufzustehen!» Carnifex rammte die Spatha in den weichen, blutverschmierten Lehmboden. Ex zuckte ob der groben Behandlung der Klinge zusammen.

«Lasst gut sein, ihr beiden.»

«Nein, gute Frau, nichts ist gut.» Lavinia schreckte zurück. Der Legat. «Niemand widersetzt sich Roms Willen, auch die Toten nicht.» Der Legat trat zwischen die beiden Männer. «Wir werden der Sache auf den Grund gehen. Ihr … » Er wies erst auf einen der Legionäre, dann auf die Spatha. «Ihr sichert dieses Schwert. Und Ihr … » Er winkte die restlichen Legionäre heran, die sich in sicherer Distanz gehalten hatten. «Ihr nehmt die beiden fest.»

 

«Diese Spatha ist ganz normal, seht doch, werter Legat!»

Lavinia hieb dem Hecht mit einem einzigen Schlag den Kopf ab. Der armlange Leib des Fisches zuckte, der abgetrennte Kopf schnappte noch ein-, zweimal nach Luft, dann lagen beide still, so wie es sich gehörte. Lavinia rieb die Spatha an ihrer Schürze sauber und legte das Richterschwert neben den Fisch.

Der Legat thronte betont gelangweilt im Feldherrensessel im Zentrum des Exerzierplatzes, auf einen Ellbogen gestützt, und tippte mit einem Zeigefinger gegen die Lippen. Lavinia sah kurz zu Ex hinüber. Wie ein welker Lattich hockte er auf seinem Schemel, niedergedrückt von den Ketten, bewacht von einer Decurie, begafft von ganz Turicum. Glaubte er denn nicht, dass sie ihn aus dieser misslichen Lage befreien würde? Ihr Beweis war wasserdicht, daran konnte selbst der Wortverdreher von Advokat, der Rudisulius, nichts ändern. Der Carnifex hatte ihn für seine Sache eingespannt. Lavinia hob das Kinn, als Rudisulius für seine Intercessio vor den Legaten trat.

«Hochverehrter Legat, der Beweis dieser Frau ist nicht stichhaltig. Erstens handelt es sich um einen Fisch, nicht einen Menschen. Zweitens hat sie das Schwert bedient, nicht mein Klient, der werte Carnifex.» Er nickte diesem zu. «Wie im Vicus Turicum hinlänglichst bekannt ist, buhlten beide, mein Klient hier und der Angeklagte, um die Gunst ebendieser Frau, der Raeterin Lavinia. Sie wählte den Angeklagten. Wie Zeugen berichten, hat der Angeklagte mehrfach meinen Klienten beschimpft und beleidigt und ihm gar beim Frühlingsfest von Turicum einen gammligen Fisch ins Gesicht geworfen. Mein Klient dagegen hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, im Gegenteil. Er blieb seiner Angebeteten und ihrem Gatten gegenüber stets höflich. So auch gestern, als er den Angeklagten um die Reparatur der besagten Spatha bat. Hochverehrter Legat, bisher hat mein Klient alle Hinrichtungen ordnungsgemäss durchgeführt. Niemals hat sich ein Hingerichteter wieder erhoben, das ist lückenlos im Staatsarchiv von Turicum belegt.»

Lavinia wollte etwas entgegnen, doch der Legat hob herrisch den Arm. Sie schluckte ihren Einwurf herunter. Am liebsten hätte sie dem glitschigen Rudisulius den Fischkopf an den Kopf geworfen.

Der Legat erhob sich. Das Tuscheln auf dem Exerzierplatz erstarb. «Ich habe beide Seiten gehört und entscheide folgendermassen. Der Angeklagte Exuperantius unterliegt nach geltendem römischen Recht der Praestatio rerum. Er ist dafür verantwortlich, dass sein Produkt ordnungsgemäss funktioniert. Ein Richterschwert, das Häupter zwar abtrennt, die Enthaupteten aber nicht vom Leben in den Tod befördert, ist nicht im Sinne seines Anwendungszweckes funktionstüchtig. Ich verfüge daher, dass das Schwert zwecks Funktionstüchtigkeitsprüfung erneut vom Kläger Carnifex an einem Menschen getestet werde.»

«Euer Ehren, wir haben aber in den Carceres gerade keinen zum Tode Verurteilten vorrätig», warf Carnifex ein.

«Ihr werdet die Spatha beim Angeklagten Exuperantius anwenden. Ist er nach Enthauptung sofort tot, ist seine Unschuld erwiesen. Erhebt er sich wieder, dann beweist das seine Schuld, und Ihr könnt auf seine Witwe Regress nehmen.»

 

Erneut stand Lavinia auf dem Richtplatz. Die Meute hielt respektvoll Abstand, niemand kam, sie zu trösten, sie festzuhalten, zu umarmen. Ex kniete vor dem Legaten, den Kopf aufrecht, Trotz im Blick. «Ich werde euch beweisen, dass meine Schmiedearbeit über alle Zweifel erhaben ist.»

«Dann solltet Ihr schnell und definitiv sterben, Exuperantius.» Der Legat trat zurück. Der Carnifex hob die Spatha. Ex sah zu Lavinia herüber. Das Schwert fiel, trennte den Kopf ab. Er rollte einen Fuss, zwei, blieb liegen. Stille herrschte. Lavinia wagte nicht zu atmen. Carnifex senkte die Spatha, rammte sie erneut in den Boden und stützte sich auf dem Heft ab. Er grinste Lavinia an.

 

Doch da, da reckte sich Ex, streckte sich, kam auf die Beine, tastete mit den Händen nach seinem Kopf. Ein hysterisches Kichern irgendwo in der Wand der Schaulustigen. Diesmal flohen sie nicht. Ex fand seinen Kopf, hob ihn hoch, wandte sich um, trat auf Carnifex zu. Der wich zurück. «Bleib mir vom Leib!»

Doch Ex ging langsam, schleppend, aber unaufhaltsam

Richtung Carnifex.

«Weg, fort mit dir, hau ab!» Carnifex stolperte rückwärts, auf das Ufer zu. Da blieb Ex stehen. Was dann kam, ging so schnell, dass Lavinia zuerst nicht begriff. Ex holte aus … und warf Carnifex seinen eigenen Kopf zu. Der grosse Mann schrie, wie Lavinia nie einen Menschen hatte schreien hören, auch die Gefolterten nicht. Der Carnifex strauchelte, fuchtelte wild, stolperte rückwärts, bis sein Fuss im weichen Schlick einsank, er ausrutschte und rücklings in den Fluss klatschte. Er schlug um sich, als ob er eine Legion von Geistern abwehren müsste, die Geister all jener, die er gefoltert und enthauptet hatte. Er tauchte ab, kam prustend, gurgelnd wieder hoch, krallte nach seinem Bart, kratzte und riss sich die Haut auf, sank ab und ging unter. Erst auf der Höhe der Thermen kam sein Körper wieder an die Oberfläche und trieb unter der Brücke durch, den Lindimacus hinab, gen Vindonissa.

 

Ex tastete nach seinem Kopf, hob ihn auf, barg ihn an seiner Brust und machte sich auf den Weg – jenen, den auch Felix und Regulus gegangen waren. Lavinia begleitete ihn, bettete ihn und sein Haupt neben die frischen Grabhügel, legte seine Hand an ihren Bauch, damit er sich von seinem Kind verabschieden konnte, küsste ihn ein letztes Mal und schloss ihm die Augen.

Seine Stimme war nur ein Hauch: «Vale, Lavinia.»

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Praestatio rerum (lat.): Produkte-haftpflicht

Kurzgeschichte von

Eva Waiblinger

​

In: Wilder Widerstand

Drei Interpretationen von Schweizer Legenden

​

Totechöpfli-Verlag

​

ISBN 978-3-907431-02-3

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Leider vergriffen!

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