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Leseprobe "Die Asphaltknackerin"

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Donnerstag, 30. Juni 2039

Brutale Hitzewelle – Seniorin stirbt Hitzetod (‹10 Minuten› online)

Am Mittwoch kollabierte eine 78-jährige Rentnerin an der Europaallee in Zürich bei 42 Grad. Trotz sofort eingeleiteter Rettungsmassnahmen verstarb die Seniorin noch vor Ort, beim Eingang des dortigen Zoogle-Standorts.

Ältere Frauen gehören zu den Personen, die von Hitze am meisten gefährdet seien, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2024 in seinem ‹Klimaseniorinnen›-Urteil festgehalten. Doch der Grundtenor der Politik ist noch heute, dass die Schweiz schon genug für den Klimaschutz unternehme.

Nach diesem Vorfall ruft die Stadt Zürich alle Senior*innen auf, sich tagsüber nur im Schatten oder an gekühlten Orten aufzuhalten und viel zu trinken.

Samstag, 2. Juli 2039

Hey, Leute, heute gilts! That’s the day, Mathematik-Grundlagenfach-Prüfung. D-Day und so. Es ist erst 7.30 Uhr am Morgen, und bereits jetzt flirrt sie vor Hitze, die Europaallee, dieses hippe Death Valley aus Style, Glasfronten und Asphalt. Am Nachmittag schmilzt es dir hier die Sohlen von den Sneakers. Einen richtigen Eurogrill habt ihr Architekten da gebaut, alles zugepflastert. Und dann diese lächerlichen Ginkgos, ein paar Alibibäume für eure Allee. Klar, ein Ginkgo hält die Hitze besser aus als ein Standard-Alleebaum, eine Platane oder so. Aber die haben keinen Stich gegen die Hochhausmoloche mit ihren Luxuswohnungen und Sesselkleber-Büros, Banken links und Zoogle rechts. Das Beste ist die Europfütze, auch Wasserspiel genannt. Der teuerste Glunggen der Welt ist das, Wasser auf Teer, voll designt und so, und abends lasst ihr das Wasser dann ab und am Morgen schrubbt die Putzequipe den Teer, damit sich ja kein Lebewesen einnistet. Wär ja auch voll unclean. Bodenlos!

 

Nun sitzen wir also hier, Sis, brav hintereinander wie die Chicks hinter der Mama Duck, über unsere Prüfungshefte gebeugt, eine dicke Schwarte. Die Fenster standen die Nacht über offen, aber das hat nichts gebracht, kein bisschen cool für clevere Kids. Das CO2-Messgerät zeigt 1076 ppm, 08.45 Uhr, 35 Grad. Es ist so heiss, dass mir das Hirn in der Kalotte stockt. Der Schweiss rinnt die Stirn runter und sammelt sich an der Nasenspitze zum Tropfen, der da hängt und tanzt, voll unentschlossen, ob er auf die quadratische Gleichung fallen soll oder lieber auf Pythagoras. Und erst die höllische Riechlandschaft, in der ich hier gefangen bin! Achselmief bohrt sich durch meine Nase direkt ins Gehirn. Und ich selbst? Hält mein Deo durch? Egal, dann mischt sich halt mein Sudörchen in dieses Potpourri aus Angst, Schweiss und verlorener Hoffnung. Ich weiss nur: Wir werden bei dieser Prüfung abkacken, es ist so was von heiss. Ich kann nicht mehr.

«Es reicht! Ich mach nicht weiter!»

Bin ich aufgestanden? Voll crazy! Das Kratzen der Stifte verstummt.

Vorn stoppt das emsige Wedeln des Fächers. Der Blick von Madame Hélier, der Aufsicht, bohrt sich über den Fächerrand hinweg in meine Stirn: dass ich es wage, ihre Siesta zu stören, ich, die Niete in Französisch!

«Ich weigere mich, bei dieser Hitze die Prüfung zu schreiben.»

Madame Hélier erhebt sich. Mit einem Ruck aus dem Handgelenk schliesst sie den Fächer, dass es knallt. «Asseyez-vous et continuez!»

Die anderen halten den Atem an. Ich bleibe stehen. «Zu heiss. Trop chaud.»

«As-sey-ez-vous!», zischt Madame Hélier.

Ein Murmeln weht durch die Klasse.

«Taisez-vous, travaillez!»

Links von mir scharren Füsse, ein Stuhl wird gerückt, einer steht auf. Ayo, unser malischer Klimaflüchtling, angehender Solarinstallateur EFZ, Klimovetia-Stipendiat. Den Mumm hätte ich ihm nicht zugetraut, so intro, wie der sonst ist. Zu intro, um mich anzusprechen, obwohl ich überhaupt nichts dagegen hätte. Ein zweiter folgt, Rui, Emma als Dritte, bald steht die ganze Klasse, stumm und trotzig. Was hab ich da angedeichselt?

Madame Hélier schlägt den Fächer auf, als ob sie sich dahinter barrikadieren will. «En Afrique, les élèves seraient heureux d’avoir vos possibilités de formation. Soyez reconnaissants!» Sheesh, die Schlechte-Gewissen-Masche.

Ayo und ich sehen uns an, er, der Afrikaner, der hier seine Ausbildung machen darf. Er prustet los. Voll slay, das steckt an. Bald lacht die ganze Klasse. Résistance riante, Madame Hélier, wie geil ist das denn?

Sie greift zum Handy und ruft um Hilfe.

Keine fünf Minuten später steht der Rektor im Zimmer, die Visage tomatenrot. Ist der echt die Treppen hochgerannt, bis in den vierten Stock, bei der Hitze? Vor Jahren war das Rektorat noch hier oben, aber die sind längst ins kühlere Erdgeschoss geflohen und lassen stattdessen uns Lernende schwitzen.

Die Standpauke des Rektors hat sich so was von gewaschen. Die Prüfung gilt als nicht bestanden, wenn wir jetzt nicht weiterschreiben. Wir bleiben stehen und köcheln im eigenen Schweiss. Den Jungs hätte ich nicht so viel Rückgrat zugetraut. Nach einer Viertelstunde, einer Ewigkeit, knicken einige ein, setzen sich und arbeiten weiter. Der harte Kern bleibt stehen. Ich schiele aus dem Augenwinkel und mache Bestandesaufnahme: Ayo, Sonja, Emma, Sandro, Rui und Mädu halten mir die Stange. Wir schweigen uns an, der Rektor und wir.

Nach einer halben Stunde verkündet er, wir müssten die Prüfung nachholen, ohne Möglichkeit auf eine Repetition, sollten wir es verpatzen.

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Die Asphaltknackerin

von Eva Waiblinger

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